Auf Ochsentour im Wahlkampf: Herr Feiler aus der zweiten Reihe

Von Haiko Prengel (Text) und Bernd Settnik (Fotos)

dpa-Reportage)

Faul, eitel, nur Show: Politiker haben nicht den besten Ruf. Dabei gehen viele im Wahlkampf an ihre Grenzen. «Jede Stimme zählt», sagt Uwe Feiler. Von einem, der auszog, einen Wahlkreis zu erobern.

Mühlenbeck/Zehdenick (dpa) – Es ist noch dunkel im Havelland, über den Feldern liegt Herbstnebel. Da bringt Uwe Feiler schon Geschenke unter das Volk. «Darf ich Ihnen mal ein Glas Marmelade übergeben?», fragt er etwas steif einen Passanten. Dazu gibt es eine Zeitung, zum Lesen in der S-Bahn. «Dit is immer jut», freut sich der Mann und eilt zu den Gleisen. Feiler sieht ihm zufrieden nach. Wieder ein paar Sympathiepunkte. Nun muss der Bürger nur noch sein Kreuz an der richtigen Stelle machen. Sonst hat Feiler seine Geschenke umsonst verteilt. Und er verteilt viele Geschenke in diesen Tagen.



Denn Uwe Feiler will in den Deutschen Bundestag. Im Wahlkreis 58 Oberhavel/Havelland II kandidiert der 47-Jährige für die CDU und kämpft um ein Direktmandat. Es ist Endspurt, am kommenden Sonntag ist der Tag der Entscheidung. Und weil sein Wahlkreis hart umkämpft ist, nutzt Feiler in diesen Tagen jede Minute. Er geht Klinkenputzen, er schüttelt so viele Hände wie möglich. Daneben die zähe Arbeit an der Parteibasis, die Treffen im Orts- und Kreisverband. «Das ist anstrengend», sagt Feiler. «Aber jede Stimme zählt.» Er wirkt abgekämpft. Drei Stunden hat er nur geschlafen, die Nacht zuvor waren es vier oder fünf.

Aber jetzt muss Feiler die Pendler abfangen, die Frühaufsteher. Seit Monaten steht er morgens an den Bahnhöfen. Heute ist es der S-Bahnhof Mönchmühle, ein Ort im Berliner Speckgürtel. Viele Angestellte sind unterwegs, also CDU-Hauptklientel. Feiler spricht sie freundlich an und verteilt seine Marmelade. «Gut, Besser, Feiler» steht auf den Gläschen. Das klingt nicht originell, aber wenigstens selbstbewusst. Dazu gibt es einen Becher Kaffee und die Zeitung, die «Feiler Rundschau». Darin erklärt der Familienvater und Diplom-Finanzwirt auf bunten Seiten, warum die Havelländer genau ihn wählen sollen.

Ja - warum sollten sie das eigentlich? 1998 eroberte die SPD-Politikerin Angelika Krüger-Leißner das Direktmandat, seither vertritt sie den Wahlkreis im Bundestag – und das nicht unbedingt schlecht. Der Landkreis Oberhavel gehöre zu den 60 wirtschaftsstärksten Regionen in Deutschland, räumt CDU-Konkurrent Feiler ein. Die Arbeitslosenquote ist für Brandenburger Verhältnisse gering, vor allem der Tourismus entwickelt sich gut.

Vor vier Jahren trat Feiler schon einmal gegen «AKL» an, wie sie Angelika Krüger-Leißner hier nennen. Und verlor knapp, mit 1,5 Prozentpunkten weniger. «Es war klar für mich, dass ich wieder antreten würde», sagt Feiler. Mit der Konsequenz, dass er im Wahlkampf wieder einen 18-Stunden-Tag hat. Und Tausende Euro ausgibt für Wahlplakate, Broschüren und Marmeladengläser. Feiler hat extra dafür gespart, von der Partei gebe es nur einen «kleinen Obulus», sagt er ganz ohne Vorwurf.

Warum tun sich Menschen das an? Keine Freizeit mehr zu haben, alles dem einen Ziel unterzuordnen: dem Einzug ins Parlament? Eines ist klar: Uwe Feiler müsste diesen Stress nicht haben. Er hat eine gute Stelle, arbeitet als Sachgebietsleiter in der Finanzverwaltung von Sachsen-Anhalt. Zudem führt er mit seiner Frau einen florierenden Agrarbetrieb, den «Spargelhof Spaatz». Wenn Saison ist, kommen die Erntehelfer aus Polen. Aber Feiler hilft auch selbst mit und steigt auf den Traktor.

Aber ihm reicht das nicht. Er ist auch CDU-Kreistagsabgeordneter und Vorsitzender der regionalen Mittelstandsvereinigung der Union. Zudem engagiert er sich im örtlichen Fußballclub, im Schützenverein, im Polizeirat, beim Tierschutzverein und im Menschenrechtszentrum Cottbus e.V.. «Ich kann nicht still sitzen», sagt der 47-Jährige.

Jetzt kommt es vor allem auf Kontakte an. Wer Zuhause sitzt oder im Büro, gewinnt keine Unterstützer und damit auch keine Wahlen. Deshalb hat sich Feiler für die heiße Phase des Wahlkampfs von seinem Arbeitgeber freistellen lassen. Freilich ohne Bezüge, wie er betont.

In der Politik gibt es einen schönen Begriff für diese Mühsal, er heißt «Ochsentour». Im politischen Betrieb mag sich manches verändert haben, um die Wählergunst wird heute auch in den sozialen Medien geworben. Aber eines ist wie früher: Ohne Kärrnerarbeit an der Parteibasis, ohne Beziehungspflege und Seilschaften, ohne unermüdliches Händeschütteln und Schulterklopfen schaffen es die wenigsten Politiker nach oben. Vitamin B, die richtigen und vor allem viele Leute kennen: Das kann man nicht online machen. Sondern nur im richtigen Leben.

Mittlerweile steht Uwe Feiler auf dem Wochenmarkt in Zehdenick, seine zweite Station an diesem Tag. Zehdenick ist nicht mehr Berliner Speckgürtel, sondern Brandenburger Provinz. Demografischer Wandel, marode Infrastruktur, das sind hier die Probleme. Die Gemeinden haben mit Einwohnerschwund zu kämpfen, sehen sich zunehmend abgehängt. Uwe Feiler verspricht, sich darum zu kümmern, wie die Kandidaten der anderen Parteien auch.

Die Zehdenicker Bürger interessieren sich allerdings mehr für den Kaffee, den der CDU-Kandidat gratis ausschenkt. Und die Marmelade nehmen sie auch gerne mit. Über Politik wird auf dem Wochenmarkt wenig geredet. Feiler spricht gerne über Themen wie den gesetzlichen Mindestlohn (er ist dagegen), die von Schwarz-Gelb verpasste Steuerreform oder die «Agenda 2010» («War richtig»). Aber er drängt sie den Leuten nicht auf. Hauptsache er, der Herausforderer, wird überhaupt registriert. «Gesehen werden ist wichtig», sagt Feiler und reibt sich die müden Augen.

Dann wird es doch noch lebhaft auf den Marktplatz, denn plötzlich taucht Herr Wichmann auf. Und der kennt sich mit Wahlkampf aus. Henryk Wichmann ist brandenburgischer CDU-Landtagsabgeordneter aus der benachbarten Uckermark und in seiner lebensfrohen, dynamischen Art ein Unikat. Der Regisseur Andreas Dresen hat vor der Bundestagswahl 2002 einen Dokumentarfilm über ihn gemacht, seitdem ist «Herr Wichmann von der CDU» bundesweit bekannt. 2012 folgte der Streifen «Herr Wichmann aus der dritten Reihe».

Heute will er «dem Uwe» beim Wahlkampf helfen, auf dem Marktplatz in Zehdenick. Denn der Uwe, der sei so sympathisch und bodenständig, lobt Wichmann: «Das ist kein typischer Politiker, der irgendwelche Phrasen drischt.» Und dann gehen sie gemeinsam zum Zehdenicker Bürgermeister, der beileibe kein Parteifreund ist.

Arno Dahlenburg ist nämlich von der SPD und hockt gerade über Akten, als die CDU-Männer sein Amtszimmer betreten. Er wolle mal den Uwe Feiler vorstellen, der hier womöglich bald den Wahlkreis in Berlin vertreten werde, sagt Wichmann. Denn ob Straßenbau, Bahnanbindung oder Tourismuswirtschaft: Bei vielen Themen könnten Bund, Land und Kommunen nur gemeinsam etwas erreichen. «Das haben wir verstanden hier in der Region», sagt auch Sozialdemokrat Dahlenburg.

Ja, die drei Männer verstehen sich recht gut - auch wenn sie im politischen Berlin gerade so tun, als trennten Union und SPD ideologische Welten. Hier im Amtszimmer des Bürgermeisters stehen sich die Vertreter der beiden Volksparteien, die wegen der vielen Nichtwähler und Konkurrenzparteien längst keine Volksparteien mehr sind, ziemlich nah. Unklar bleibt an diesem Tag nur eins: Ob diese inhaltliche Nähe gut oder schlecht ist für das Land.

Dann geht es zurück auf den Marktplatz. Um Feilers «Wahlkampfmobil» ist es inzwischen voller geworden, Rentner schleichen um den Parteistand. Feilers Team verteilt schon wieder Geschenke: Frischer Kaffee dampft, und es gibt gezuckerte Quarkkeulchen. Uwe Feiler sieht ganz zufrieden aus. Manchmal kann die Ochsentour sogar Freude machen.
 

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